Erfolg ohne Mühe und Sorgen – eine Illusion?
Ihr Lieben,
es gibt Bibelworte, die haben Karriere gemacht – so sehr, dass sie ihre Herkunft verloren haben. „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe“ sagen heute Menschen, die noch nie einen Psalm aufgeschlagen haben. Man meint damit die Glückspilze, denen alles zufliegt. Aber der Psalm meint keine Glückspilze. Er meint Freunde.
„Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf“ (Ps 127,2).
Hört genau hin: Da wird nicht die Arbeit verurteilt, sondern die Sorge. Nicht das frühe Aufstehen ist umsonst, sondern das Aufstehen ohne Gott. Der Psalm ist keine Hängematten-Theologie. Er ist Herzensdiagnostik (Biblische Kardiologie). Und um zu verstehen, wie tief diese Diagnose reicht, machen wir heute einen Umweg – durch die Philosophiegeschichte. Denn die klügsten Köpfe der Menschheit haben sich an genau diesem Problem abgearbeitet. Redlich. Mit ganzer Kraft. Und, um es vorwegzunehmen: vergeblich.
Erste Station: Sisyphos, der Frühaufsteher der Antike
Ihr kennt ihn. Sisyphos, König von Korinth, der die Götter überlistete – zweimal sogar entkam er dem Tod. Ein Selbstoptimierer der ersten Stunde, ein Mann, der sich auf nichts und niemanden verließ außer auf die eigene Cleverness. Und beinahe wäre das nochmal gut gegangen. Beinahe. Aber die Götter verurteilten ihn dazu, auf ewig einen Felsblock den Berg hinaufzuwälzen – und kurz vor dem Gipfel rollt der Stein zurück ins Tal. Immer wieder. Für immer.
Man muss das einmal nüchtern sagen: Sisyphos ist der Schutzpatron aller, die früh aufstehen und ihr Brot mit Sorgen essen. Er arbeitet ohne Unterlass, und es kommt nichts dabei heraus. Der Prediger Salomo hätte den Mythos sofort verstanden: „Auch das ist eitel und Haschen nach Wind“ (Pred 2,26). Der Stein rollt zurück – hevel, Windhauch, Nichtigkeit.
Nun kam im zwanzigsten Jahrhundert ein brillanter Franzose und versuchte, aus dieser Hölle einen Himmel zu machen. Albert Camus schloss seinen berühmten Essay mit dem Satz, wir müssten uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen 1. Das ist ein grandioser Versuch – vielleicht der ehrlichste Versuch des modernen Menschen, ohne Gott mit der Vergeblichkeit fertigzuwerden. Camus sagt gewissermaßen: Wenn der Stein schon rollt, dann liebe wenigstens das Rollen. Ich habe Respekt vor diesem Trotz. Aber ich frage euch: Ist das Glück – oder ist das Galgenhumor auf höchstem Niveau? Camus verordnet dem Patienten nicht die Heilung, sondern die Umdeutung der Krankheit. Der Psalm hat eine andere Antwort: Er lässt den Stein nicht schönreden. Er sagt: Es ist umsonst. Und dann öffnet er eine Tür, die Camus verschlossen hielt: „denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“
Zweite Station: Die Philosophen der Sorge
Bleiben wir noch einen Moment bei den Denkern, die sich Mühe gegeben haben. Arthur Schopenhauer, der große Düstermann aus Frankfurt, beschrieb das ganze Dasein als rastloses Streben eines blinden Willens: Das Leben pendle wie ein Uhrwerk zwischen Schmerz und Langeweile hin und her2. Erreichen wir nicht, was wir wollen, leiden wir – erreichen wir es, langweilt es uns, und wir wollen das Nächste. Sammeln und Häufen ohne Ankunft. Schopenhauer hat den Prediger übrigens gelesen und geschätzt; er hat die Diagnose des Kohelet nahezu wörtlich wiederholt – nur die Therapie hat er nicht gefunden. Seine Empfehlung war die Verneinung des Willens, eine Art metaphysischer Streik. Das wäre beinahe nochmal gut gegangen – wenn der Mensch denn aufhören könnte zu wollen. Er kann es nicht.
Und dann Martin Heidegger. Der hat in „Sein und Zeit“ etwas Erstaunliches getan: Er hat das Wesen des menschlichen Daseins auf einen einzigen Begriff gebracht – und dieser Begriff lautet Sorge2. Der Mensch ist das Wesen, das sich sorgt, das immer schon vorauseilt in ein Noch-nicht, das nie ganz im Jetzt wohnt. Ich finde es atemberaubend, dass die Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts nach zweieinhalbtausend Jahren Denkarbeit exakt bei dem Wort ankommt, das Psalm 127 längst kannte: Ihr esst euer „Brot mit Sorgen“. Heidegger beschreibt den Zustand mit chirurgischer Präzision – aber er kennt keinen, der die Sorge abnimmt.
Petrus kennt ihn: „Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch“ (1. Petr 5,7).
Die Philosophie buchstabiert die Krankheit. Das Evangelium nennt den Arzt.
Versteht mich recht: Das ist keine Verachtung der Philosophie. Diese Männer haben redlicher über das Leben nachgedacht als mancher Fromme. Aber sie gleichen Bergsteigern, die mit äußerster Anstrengung den Gipfel erklimmen – und oben sitzt schon einer und fragt freundlich, warum sie nicht die Seilbahn genommen haben. Die Seilbahn heißt Gnade. Und sie fährt, das ist der Skandal, sogar nachts. Im Schlaf.
Dritte Station: Der Fluch über die Arbeit – eine Exegese
Jetzt aber zur Wurzel. Woher kommt eigentlich das Brot der Sorge? Die Antwort steht am Anfang der Bibel, und sie wird fast immer falsch zitiert. Man sagt: Gott habe die Arbeit verflucht. Das steht dort nicht. Lest genau:
„Verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen … Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ 3.
Verflucht ist der Acker – nicht die Arbeit. Das ist eine Überlegung von enormer Tragweite. Denn die Arbeit gab es schon vor dem Fall: „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“ 4. Bebauen und Bewahren – das ist Arbeit im Paradies, Arbeit als Würde, als Teilhabe am Schaffen Gottes. Das hebräische Wort abad, arbeiten, ist übrigens dasselbe Wort, das später für den Gottesdienst gebraucht wird. 1. Mose 2,15. Die Benediktiner machten das ORA ET LABORA – „bete und arbeite“ zu ihrem berühmten Motto.
Der Fluch hat nicht die Arbeit erfunden, sondern die Mühsal in die Arbeit gesenkt – das hebräische izzabon, dasselbe Wortfeld, das in Psalm 127 als „Brot mit Sorgen“ wiederkehrt. Der Fluch ist der Keil zwischen Anstrengung und Ertrag: Du säst, und die Dornen wachsen mit. Du planst, und der Stein rollt zurück. Sisyphos ist, biblisch gesprochen, ein Mann östlich von Eden: „1Mo 4,16 So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.“ (Nod bedeutet »Land Flüchtig« und bezeichnet das Leben in der Gottesferne.)
Und nun die Frage: Wie wäre das Leben ohne diesen Fluch? Die meisten denken: ein Leben ohne Arbeit – ewiger Strandurlaub, Cocktail, Hängematte. Aber das ist nicht die biblische Vision, das ist nur die Erschöpfungsfantasie des Verfluchten. Der Ausgebrannte träumt vom Nichtstun, weil er das unverfluchte Tun nicht mehr kennt.
Die Bibel träumt größer: nicht Leben ohne Arbeit, sondern Arbeit ohne Fluch. Bebauen und Bewahren ohne Dornen. Schaffen ohne Sorge. Wirken ohne die Angst, dass alles umsonst sein könnte. Der Seher der Offenbarung schaut genau das: „und seine Knechte werden ihm dienen“ (Offb 22,3) – und unmittelbar davor steht der Satz: „Und es wird nichts Verfluchtes mehr sein.“ Dienst ohne Fluch. Tätigkeit als reine Freude. Das Paradies ist keine Hängematte, es ist eine Atelier der Schaffenskraft in Freude.
Die Pointe: Wohin die Dornen gingen
Und jetzt haltet einen Moment inne, denn hier verdichtet sich alles zu einem einzigen Bild. Was trägt der verfluchte Acker? „Dornen und Disteln soll er dir tragen“ (1. Mose 3,18). Dornen sind die botanische Signatur des Fluches, das sichtbare Zeichen der vergeblichen Mühe.
Und was flechten die Soldaten im Prätorium? „Und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt“ (Mt 27,29).
Seht ihr es? Am Karfreitag nimmt einer die Frucht des verfluchten Ackers – und setzt sie Jesus als Krone auf. Das ist keine Ironie der Geschichte, das ist mehr als Theologie: Christus trägt buchstäblich am Leib, was der Acker seit Eden hervorbringt. Paulus buchstabiert es aus: „Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns“ (Gal 3,13). Jesus hängt am Kreuz und trägt den Fluch des Ackers auf seinem Haupt. Und es ist bezeichnend, dass der Auferstandene am Ostermorgen ausgerechnet für einen Gärtner gehalten wird (Joh 20,15) – Maria irrt sich im Detail und trifft die Wahrheit im Kern: Da steht der neue Adam im Garten und nimmt die Arbeit des Bebauens und Bewahrens wieder auf, diesmal ohne Fluch.
Darum, nur darum, kann der Psalm sagen: „Seinen Freunden gibt er es im Schlaf.“ Nicht weil Gott Faulheit prämiert. Sondern weil das Entscheidende bereits getan ist – von einem anderen, außerhalb unserer Arbeitszeit. Sola gratia ist kein frommer Slogan Luthers, es ist die Betriebslogik des Reiches Gottes: Das Wichtigste in deinem Leben hast nicht du erarbeitet. Es wurde dir gegeben, während du – bildlich gesprochen – schliefst. Schon bei Adam beginnt dieses Muster: Gott lässt ihn in tiefen Schlaf fallen, und als er erwacht, ist das größte Geschenk seines Lebens da (1. Mose 2,21–22). Adams Beitrag zur Erschaffung Evas war: Schnarchen.
Was das nun heißt
Erstens: Arbeite – und ent-sorge deine Arbeit. Das Wortspiel sei erlaubt: Nimm die Sorge heraus wie einen Splitter. Der Fluch ist getragen; du darfst dich anstrengen, ohne dich zu rechtfertigen. Der Unterschied zwischen dem Sünder und dem Freund in Prediger 2,26 ist ja nicht die Menge der Arbeit – beide mühen sich. Der Unterschied ist die Frucht: Der eine arbeitet, um jemand zu werden. Der andere arbeitet, um mit einer guten Frucht Jesus zu verherrlichen.
Zweitens: Schlafe als Bekenntnis. Jeder Abend ist ein kleines Glaubensexamen. „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne“ (Ps 4,9). Jesus selbst hat es vorgemacht – er schlief im Boot, mitten im Sturm (Mk 4,38), während die Jünger ruderten wie Sisyphos auf hoher See. Wer im Boot des Vaters sitzt, kann schlafen, wenn andere schöpfen.
Drittens: Lass Camus stehen und geh weiter. Wir brauchen uns Sisyphos nicht als glücklichen Menschen vorzustellen. Wir wissen, dass der Problem-Stein weggewälzt wurde – am Ostermorgen hat ihn ein anderer bewegt, und zwar bergab und für immer.
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlafe. Nicht weil sie nichts tun – sondern weil das Entscheidende getan ist.
Geht in diese Woche als Freunde, nicht als Bewerber. Steht früh auf, wenn ihr wollt. Aber esst euer Brot ohne Sorgen. Es ist alles bezahlt… Amen.
Quellen
(HR, Nikodemus, Claude Faible) Diese Exegese habe ich mit Seminarnotizen und eigenen Bibelanmerkungen erstellt und mit der Hilfe von Nikodemus, der KI des ERF Bibleserver, sowie Claude KI stilistisch perfektioniert. Dr. Hein Reuter – www.wenn-gott-nickt.de
- Albert Camus, Le Mythe de Sisyphe, Paris 1942; dt.: Der Mythos des Sisyphos, Reinbek 1959.
- Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, § 57, Leipzig 1819.
- Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1927, §§ 39–44 (Die Sorge als Sein des Daseins).
- Martin Luther, Der 127. Psalm ausgelegt an die Christen zu Riga in Livland (1524), WA 15, 360–378.
- Lutherbibel 2017, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2016.
- https://www.bibleserver.com/
- https://claude.ai/